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So machen Sie psychische Belastungen zum Thema

Jeder von uns hat eine Psyche. Aber nicht jeder spricht offen über den eigenen Stress oder Emotionen. Wie können wir psychische Belastungen in Betrieben zum Thema machen?

Info vorab

Die Pioniere sind nicht nur eine Online-Community, sondern es gibt auch jedes Jahr einen Online-Kongress unter diesem Titel. Und auch 2021 wieder! Nämlich vom 23. - 27.08.2021. Da der Kongress online stattfindet, können Sie ortsunabhängig zuschauen. Letztes Jahr waren hier fast 700 TeilnehmerInnen dabei! Und auch dieses Jahr habe ich ganz viele, tolle ReferentInnen. Ich werde diese in den kommenden Wochen der Reihe nach vorstellen.

Heute starte ich mit dem Speaker Thomas Mangold, Experte für Zeit- und Selbstmanagement: Er wird einen Vortrag darüber halten, wie man sich seine perfekte Arbeitswoche organisieren kann. Vorab habe ich ihn um ein Statement gebeten: Warum ist es überhaupt wichtig, dass wir uns gut organisieren? Sollten wir nicht lieber darauf schauen, dass wir alle Kundenanfragen und Notfälle schnellstmöglich abarbeiten?

Antwort von Thomas Mangold: Wer sich präventiv um seine Zeitbudgets kümmert, hat die Möglichkeit, seine To-do's am Ende des Arbeitstages abgearbeitet zu haben, zufrieden in den Feierabend zu gehen, aber natürlich auch mehr auf sich selbst zu achten und damit wiederum anderen besser helfen zu können.

Wie kann man "Psyche" oder "Psychische Belastungen" zum Thema in einem Unternehmen machen?

Sehr häufig ist das ja ein Tabuthema, v.a. in sehr leistungsorientierten Kulturen. Da will man nicht schwach erscheinen, manche Menschen wollen eher hart - wie eine Maschine - wahrgenommen werden. Und darum wird häufig auch nicht gerne über "Psychische Arbeitsbedingungen" geredet. Obwohl das ein Thema ist, das alle betrifft!

In vielen Gesprächen höre ich Sätze wie: "Psychische Belastungen sind so individuell." Oder: "Jeder reagiert doch anders auf Stress. Viele sind belastbarer und brauchen den Stress doch sogar um motiviert zu sein!"

Mit diesem Mindset ist es natürlich schwierig, psychische Belastungen in einer Organisation zum Thema zu machen. Viele Führungskräfte wollen sich damit oft nicht beschäftigen, weil sie sich gar nicht zuständig fühlen für die Gefühle der MitarbeiterInnen. Sie sehen das als individuelles Problem an: "Entweder man ist dem Job gewachsen oder man muss eben kündigen", höre ich dann häufig.
Personalabteilungen haben auch oft Angst, dass niemand versteht, worum es geht, sich keiner für diese Angebote Zeit nehmen will und über das Thema vielleicht sogar gelacht wird.
Aber es ist so wichtig, dass auch über Stressfaktoren so offen gesprochen wird, wie beispielsweise über Brandschutz. Sonst kann man nichts ändern! Wir - als PräventionsexpertInnen - wissen, wie wichtig das ist. Aber wie können wir nun andere von der Wichtigkeit des Themas überzeugen?

Wie groß ist das Problem überhaupt?

In der EU-weiten Befragung ESENER-3 wurde die Frage an Unternehmensvertreter gestellt: "Ist der Umgang mit psychosozialen Risiken im Vergleich zu anderen Risiken einfacher, schwieriger oder gibt es keinen Unterschied?"

Von den österreichischen Betrieben, in denen psychosoziale Risiken vorhanden sind, sagten insgesamt 18 %, dass es schwieriger ist, mit psychosozialen Risiken umzugehen als mit anderen Themen. Jedoch gaben 18,9 % an, dass es sogar einfacher ist!

Es ist wohl auch so, dass es bei größeren Unternehmen schwieriger ist. Denn bei Betrieben mit mindestens 250 Beschäftigten sagen 39,1 %, dass es schwieriger ist und nur 10,1 %, dass es einfacher ist psychosoziale Risiken anzugehen.

Worüber reden wir eigentlich?

Eine kleine Begriffsdefinition macht den großen Unterschied!

"Psychische Belastungen" klingt nach gestresst sein, Erschöpfung oder Ärger. Aber in der psychologischen Fachsprache bezeichnet dies, ganz neutral, psychologische Arbeitsbedingungen. Es geht hier um Themen wie Informationsfluss, Arbeitsmenge, Unterbrechungen und auch Kommunikation. Dies kann unterschiedlich ausgeprägt sein (in eine gute, gesunde Richtung oder eine stressige Richtung).

Die individuelle Reaktion, zum Beispiel auf 10 E-Mails pro Stunde, kann sehr unterschiedlich sein: Motivation, Aufregung, Müdigkeit oder sogar Überforderung.
All dieses Reaktionen werden als "Beanspruchung" bezeichnet – also die Auswirkung einer Arbeitsbedingung. Das ist das sogenannte Belastungs-Beanspruchungs-Modell. Belastung ist die Arbeitsbedingung und Beanspruchung ist das, was es auslöst.

In Gesprächen ist es sehr wichtig auf diese Unterscheidung zu achten. Dabei geht es nicht um das genaue Wording, sondern darum, klar zu unterscheiden:

  • Um welche Arbeitsbedingung handelt es sich?
  • Wie war oder ist die individuelle Reaktion darauf?

Denn je nach dem, was gerade wichtiger ist im Gespräch, können unterschiedliche Maßnahmen getroffen werden.

Aber wie können Sie jetzt psychische Arbeitsbedingungen zu einem Gesprächsthema machen in Ihrer Firma oder bei Ihren KundInnen?

3 Ansätze:

1) Statistiken und wissenschaftliche Zusammenhänge kommunizieren

Über objektive Auswertungen oder auch wissenschaftlich untersuchte Korrelationen zu sprechen, kann oft leichter sein, als über persönliche Betroffenheit. Schauen Sie sich daher ein paar Fakten an, merken Sie sich diese bewusst und lassen Sie sie in Gesprächen oder bei passenden Präsentationen einfließen.

Beispiel: "Wussten Sie, dass fehlende Anerkennung für die eigene Arbeit die Wahrscheinlichkeit für Herzerkrankungen steigert?"

2) In persönlichen Gesprächen

Machen Sie stressige Arbeitsbedingungen, motivierende Rahmenbedingungen, aber auch persönliche Gefühle dazu zu einem normalen Gesprächsthema.

Tipp:
Wenn Sie jemandem zuhören, der über seinen Job spricht, versuchen Sie einmal bewusst zu unterscheiden: Was sind die objektiven Arbeitsbedingungen (z.B. Aufgaben oder Zeitdauer)? Und was sind die individuellen Reaktionen wie Gedanken, Gefühle, Verhaltensweisen? Und wenn nur über eine der beiden Seiten gesprochen wird, fragen Sie aktiv nach: "Wie ging es Dir dabei?" bzw. "Und wodurch wurde das ausgelöst?"

3) Organisationsweite Projekte

Vor allem in größeren Betrieben bietet es sich an, formale Projekte aufzusetzen und diese schrittweise über die gesamte Firma auszurollen. Rund um das Thema "Psychische Belastungen" gibt es verschiedenste Formen, wo dies einfließen kann: Evaluierung psychischer Belastungen, betriebliches Gesundheitsmanagement, Krankenstandsrückkehrgespräche oder betriebliche Wiedereingliederung.

Wichtig:

Die Rahmenbedingungen, also die psychischen Arbeitsbelastungen, zu verändern, ist klare Aufgabe des ArbeitnehmerInnenschutzes (nach §4 AschG). Die individuellen Reaktionen, Gefühle und Gedanken zu beeinflussen ist eher Aufgabe von Coachings oder Psychotherapie. Das ist ganz klar NICHT die Aufgabe einer Organisation oder Personalabteilung!

Und was dann?

Das übergeordnete Ziel bei meinen Kundenprojekten ist die Kultur so zu verändern, dass man offen über Stress und dessen Auswirkungen sprechen kann. Es gibt dann auch einen klaren Maßnahmenplan um negativen Stress zu vermeiden.

Aber hier haben wir noch viel vor uns: Nur 37,9 % der österreichischen Betriebe mit mindestens 20 Beschäftigten haben einen solchen Maßnahmenplan gegen psychische Belastungen! Da fehlen noch ganz, ganz viele. Je größer der Betrieb ist, desto eher existiert zwar auch ein solcher Plan. Aber zum Beispiel haben auch nur 58,3 % der Betriebe mit mindestens 250 Beschäftigten einen solchen Maßnahmenplan!

Arbeiten wir gemeinsam daran 100 % daraus zu machen!

Mögliche Aufgabe für Sie:
Sprechen Sie in einem Gespräch mit Beschäftigten einmal nebenbei auch psychische Belastungen an. Ganz beiläufig und als ganz normales Gesprächsthema!

An alle meine Mitglieder in der Online-Akademie "Pioniere der Prävention":
Ihr findet in der Bibliothek viele Inhalte zu psychischen Belastungen. Und wenn Ihr zu einem bestimmten Stressfaktor noch mehr wissenschaftliche Zusammenhänge wissen wollt, schreibt mir gerne ins Forum!

Wenn Sie bereit sind, Ihre Überzeugungskraft zu steigern und sich auszutauschen mit einem großen Netzwerk von KollegInnen aus der betrieblichen Prävention: Schauen Sie vorbei unter www.PioniereDerPraevention.com . Denn wir wissen beide: Um wirklich etwas zu bewegen in Arbeitssicherheit & Gesundheit braucht es mehr als Fachwissen!

Vielen Dank fürs Lesen dieses Blogbeitrages!

Feedback und Fragen an Veronika Jakl:
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Hier geht es zur Online-Akademie "Pioniere der Prävention":
Veronika Jakl

Arbeitspsychologin, Autorin und Vorstandsvorsitzende des Fachforums für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie.

Begleitet seit 10 Jahren Organisationen dabei motivierende Arbeitsbedingungen zu schaffen und psychische Belastungen zu reduzieren. 
Unterstützt PräventionsexpertInnen, die etwas bewegen wollen.

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